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Toggenburg – Innovative Mobilitätsexperimente einer Talschaft

Im Toggenburg, wo nur der Talgrund und grössere Ortschaften mit Bahn und Postauto erschlossen sind, ist das Auto das Verkehrsmittel der Wahl. In verschiedenen Pilotprojekten werden nun ein Kleinbus auf Verlangen, Mitfahrgelegenheiten und Cargobikes getestet. Das Mobilitätsökosystem wird laufend weiterentwickelt und den Bedürfnissen angepasst.

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Das Zugs- und Postautonetz deckt sich im Toggenburg mit den Hauptverkehrsachsen. Wer aber in einem Weiler oder abseits in einer der zahlreichen Streusiedlungen wohnt, kommt ohne Auto nicht weit. Die Region Toggenburg hat deshalb die Initiative ergriffen und gemeinsam mit der Gemeinde Nesslau – eine Gemeinde von rund 3500 Menschen – ein Mobilitätsökosystem ausgearbeitet, welches die bestehenden Mobilitätsangebote ergänzt. Das Ziel: mehr Menschen für nachhaltige Mobilität zu gewinnen und den CO2-Ausstoss zu senken.

Partizipative Prozesse

In einem Vorprojekt wurden anhand von Mobilfunkdaten die Verkehrsströme in der Gemeinde analysiert und dabei festgestellt: Der Durchgangsverkehr und der Verkehr innerhalb der Gemeinde tragen am meisten zur Verkehrsbelastung bei. Sehr oft sitzen in den Autos Einzelpersonen. Der Katalog möglicher Angebote setzte deshalb dort an: Verkehr reduzieren einerseits, Anzahl Personen in einem Auto erhöhen andererseits. Damit die Massnahmen den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprachen, wurde diese mehrmals befragt.

«Mitfahrbänkli»

Als erstes Pilotprojekt wurden seit April 2022 an vier Strecken, die keine Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz haben, attraktive, überdachte Bänke aus Holz aufgestellt. Die Idee: Wer dort sitzt, signalisiert, dass er oder sie mitgenommen werden möchte. Unbegleitete Kinder unter 12 sind davon ausgenommen. «Wir können zwar die Nutzung nicht systematisch verfolgen, weil man sich nirgends registrieren muss. Aber die Rückmeldungen haben uns gezeigt, dass die Bänkli von Anfang an gut angekommen sind», freut sich Sabine Camedda, Leiterin Kommunikation bei energietal toggenburg, einem von fünf Projektpartnern. «Gemäss Umfragen dauert es in der Regel nicht länger als eine Viertelstunde, bis jemand anhält und die wartende Person mitnimmt.» Am meisten wird das Angebot in der Freizeit genutzt, beispielsweise nach einer Wanderung. Bereits zwei weitere Gemeinden übernahmen die Idee.

Mitfahr-App «twogo»

Ein halbes Jahr später wurde die deutsche Mitfahr-App «twogo» in der Region lanciert. Die App vermittelt Fahrgemeinschaften, beispielsweise von Leuten, die auf der gleichen Strecke zur Arbeit oder zur Schule pendeln. Auch bei Veranstaltungen weisen die Projektpartner auf die App hin. Obwohl sich nach der Lancierung viele registrierten, wird das Angebot wenig genutzt. «Es scheitert im Kopf der Leute», sagt Sabine Camedda. «Man möchte nicht von anderen abhängig sein, wenn man nach Hause will oder auf dem Heimweg noch einkaufen». Eine solche App sei zwar in der Stadt attraktiv, weil sie hilft, Zeitverlust im Stau und bei der Parkplatzsuche sowie Parkplatzkosten zu reduzieren. «Aber auf dem Land haben wir diese Probleme gar nicht. Also fehlt auch der Anreiz, sich zu Fahrgemeinschaften zusammenzuschliessen.» Fahrgemeinschaft gebe es zwar vereinzelt, jedoch über persönliche Kontakte.

mybuxi – Fahrdienst auf Verlangen

Die Gemeinden Nesslau und Wildhaus-Alt St. Johann zündeten gemeinsam die nächste Projektphase: mit je einem elektrischen Kleinbus, der im Dezember 2023 in Betrieb genommen wurde. Die gewählte Lösung des Anbieters «mybuxi» ist in anderen Schweizer Regionen bereits bekannt. Die E-Busse sind von früh morgens bis spät abends auf Verlangen im Einsatz und bieten jeweils Platz für sieben Personen. Sie haben keinen Fahrplan, und bestimmte virtuelle Haltestellen, aber sie sind gleichzeitig sehr flexibel. «Du buchst über eine App zum Beispiel eine Fahrt, wenn du zum Arzt musst oder das Velo bei schlechtem Wetter lieber am Bahnhof stehen lässt», erklärt Sabine Camedda. Das gehe entweder einige Tage im Voraus oder kurzfristig. Um das Angebot für ältere Menschen besser zugänglich zu machen, wurde auch die telefonische Reservation eingeführt. «Das Angebot wurde zu Beginn wenig genutzt, aber wird zunehmend beliebter», sagt Sabine Camedda. «Beispielsweise für ältere Menschen, Schülerinnen und Schüler oder Leute, die gern im Ausgang ein Glas Wein trinken, ist der Fahrdienst eine gute Option.» Deshalb werben die Projektpartner auch direkt bei ihren Zielgruppen, beispielsweise an Seniorentreffen oder mit Freifahrten. Weiterhin werden neue Einsatzmöglichkeiten getestet, zum Beispiel als Wanderbus. Der Fahrdienst soll in Zukunft auch das «Klanghaus» erschliessen. Das Angebot soll nach der Pilotphase weitergeführt und ausgeweitet werden, falls die Finanzierung sichergestellt ist.

Cargovelo

Seit Mitte August 2024 und bis zum ersten Schnee steht als nächster Pilot ein E-Cargobike bei einem lokalen Velohändler in Nesslau. Es kann bis zu sieben Tage am Stück gratis ausgeliehen werden.

Sensibilisieren, beobachten, weiterentwickeln

Die Projektpartner setzen verschiedene Kommunikationskanäle wie Social Media und Zeitungen ein. Sie setzen aber auch auf das direkte Gespräch mit der Bevölkerung. So bauen sie Hemmschwellen ab. Grundsätzlich sei die Bevölkerung offen für neue Ideen, meint Sabine Camedda. «Aber es ist schwierig, alte Verhaltensmuster aufzubrechen. Mobilitätslösungen müssen einem Bedürfnis entsprechen, damit sie genutzt werden». Ganz aufs Auto zu verzichten, sei in der Bevölkerung kein Thema. Aber vielleicht brauche es den Zweit- oder Drittwagen nicht mehr. Die Projektpartner beobachten, wie sich die verschiedenen Angebote entwickeln, und planen nächste Massnahmen, um das Toggenburger Mobilitätsökosystem weiter zu stärken.

Das Projekt im Überblick

Kosten und Finanzierung

Initialkosten von 950'000 CHF, ein Drittel finanziert durch das BFE/Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität (KOMO), der Rest von den Gemeinden, gewerblichen Sponsoren, den Projektpartnern sowie den Nutzerinnen und Nutzer

Zeitdauer

April 2021 - Oktober 2025

Involvierte Akteure

Gemeinde Nesslau Region Toggenburg Energietal Toggenburg Energieagentur St. Gallen Südostbahn SOB

Interkommunale Zusammenarbeit/ Beitrag der Gemeinde

Nesslau hat Modellcharakter. Erfolgreiche Projekte werden von anderen Gemeinden übernommen.

Erfolge

Zunehmende Offenheit der Bevölkerung gegenüber neuen Formen der Mobilität

Erfolgreiche Projekte wie der Fahrdienst werden nach der Pilotphase weitergeführt, falls die Finanzierung sichergestellt werden kann

Andere Gemeinden haben weitere «Mitfahrbänkli» aufgestellt.

Herausforderungen

Alte Verhaltensmuster aufbrechen, ist schwierig.

Wichtig ist, kontinuierlich über verschiedene Kanäle zu kommunizieren Angebote flexibel zu adaptieren, neue Möglichkeiten auszuprobieren und Zielgruppen direkt abzuholen.

Die Angebote müssen echten Mehrwert bringen – der Umweltgedanke kommt an zweiter Stelle.

Regionale Bedeutung

Die Mitfahrapp steht der ganzen Region zur Verfügung.

Nachhaltige Perspektive

Die verschiedenen Massnahmen können das Auto nicht ersetzen. Aber zum einen werden Fahrten reduziert, zum anderen kann die Bevölkerung dazu animiert werden, auf das Zweit- oder Drittauto zu verzichten. Funktionierende Projekte werden mit grosser Wahrscheinlichkeit nach Projektende weitergeführt. Ausserdem werden weitere nachhaltige Mobilitätsformen getestet und damit das Mobilitätsökosystem weiter ergänzt.

Tipps und Tricks

In partizipativen Prozessen die Bevölkerung regelmässig befragen

Über verschiedene Kanäle kommunizieren, auch im persönlichen Gespräch mit den Zielgruppen

Hemmschwellen abbauen und niederschwellige Teilnahme ermöglichen

Die Bevölkerung sensibilisieren und Vorteile von weniger Verkehr aufzeigen, z. B. mehr Lebensqualität oder Landschaftsschutz.Verstehen, dass auf dem Land andere Lösungen gefragt sind als in der Stadt

Kontakt

Christoph Kauz Geschäftsleiter energietal toggenburg Telefon 071 987 00 77 christoph.kauz@energietal-toggenburg.ch

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